Un Schock du culture – oder wie man eine andere Welt findet

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Jetzt ist der letzte Eintrag, von der ereignisreichen und holprigen Busfahrt eine Woche her. Nun liege ich grad im Bett in meinem kleinen Hotel, auf das ich mich sehr gefreut habe, mit einer weiteren rüttelnden und nicht so schnell zu vergessenden Busfahrt quer durch Nepal hinter mir und in meinen Beinen, meinem Rücken, Kopf, eigentlich überall. Eines ist sicher: Diese Fahrten werde ich wahrscheinlich niemals vergessen.

Was ist denn in dieser Woche passiert?

Spulen wir zurück in das Jahr 2019; das ging fix oder? Ist ja noch nicht solange her. Im November war ich auf einer Veranstaltung der Namaste Stiftung, nachdem ich einem Herrn von dieser Stiftung geholfen habe ein Ergometer nach Nepal zu senden, wo es in einem neuen Krankenhaus genutzt werden soll. Er lud mich zu dieser Veranstaltung ein, wo ich es mir nicht nehmen lassen konnte, mich zu erkundigen, ob die Möglichkeit besteht, dass ich an einer der Schulen, die von der Stiftung unterstützt werden, etwas Arbeit leisten kann.

SPOILER: JA, ES IST MÖGLICH

Die letzte Woche habe ich in Bolde verbracht, einer kleinen Region östlich von Kathmandu, knapp 50km entfernt und mit dem Local Bus in 6 Stunden zu erreichen. Also durchaus machbar und da beschweren wir uns, dass die A7 mal gesperrt ist, wodurch man vielleicht 20 Minuten länger braucht. (Bitte mit Humor lesen) Aber wie die Fahrt war, habt ihr ja bestimmt bereits gelesen.

Der Ausblick und Hof für die Zeit

In dieser Woche lebte ich bei Tilaks Bruder, Surendra, dessen Haus sich genau neben der einen Schulen befindet. Seine Frau war am ersten Tag diejenige, die mich empfing und mir mein Zimmer zeigte. Ich folgte ihr in ein Nebengebäude, die Treppen rauf und da war es, mein Quartier für die nächste Zeit. Fast quadratisch steht dort ein kleines Bett, mit zwei Decken, zwei Kissen und einer Matratze, die einer gut gearbeiteten Sperrholzplatte gleicht, aber es geht tatsächlich und in kurzer Zeit habe ich auch eine gute Schlafposition gefunden. Nur durfte ich mich nicht zu sehr bewegen, damit die Halterung meines Mosquitonetzes sich nicht verabschiedet. Ich bräuchte es nicht sagten sie mir alle, also Surendra und die beiden Englischlehrer, die mich am ersten Abend bereits besuchten, denn die drei waren die einzigen, die ausführliches Englisch verstanden, wobei ich mir bei dem einen nicht ganz so sicher war. Nett waren sie allemal. Brauchen tue ich es nicht, weil grad Wintersaison ist, aber mir war es trotzdem lieber und so behielt ich meinen wunderschönen, engelsgewandgleichen Betthimmel, der mir durch seine Fallform einen schönen Schlaf in der Embryonalstellung ermöglichte. Wieso muss so ein Netz auch gefühlt 28 Meter lang sein?

Mein Quartier

Nunja… am Abend, als die beiden Lehrer wieder zur Schule gingen, denn dort haben sie kleine Zimmer, in denen sie einen Großteil von ihrer Zeit, von der Familie getrennt, leben, setzte sich mein Gastgeber zu mir und wir unterhielten uns über meine Reise, die Schule, was wir so machen, aber hier merkte ich bereits, dass wir uns verstehen.

Was hier denn so anders ist

Mein Wecker klingelt um 8 Uhr, ich komme gut aus dem Bett, obwohl ich etwas verkrümmt geschlafen habe und mich, anstatt mit einer der Decken, mit meinem Schal zugedeckt. Mein luftiges Schlafoutfit, aus Sporthose und Shirt aus dem Hostel habe ich abgelegt und gegen Shirt, Jacke, Mütze und lange Hose getauscht. War es tagsüber gut warm dort, gingen die Temperaturen in der Nacht doch gut runter.

Ich ging runter, um zum Bad zu gehen, welches hinter dem Gebäude war und erschrak etwas, als ich sah, dass unter mir anscheinend der Stall war und die Ziegen sich bewegten und mich anstarrten.

Ich öffnete die kleine Holztür, spazierte zum Waschbecken, um die Zähnchen zu schrubben, da kommt mir eine der kleinen Töchter entgegen geflitzt, sie wirft mir einen fragenden und vor allem “Wer oder was zur Hölle bist du?” Blick zu. Ich lächle nur freundlich, schrubbe dann die Zähne, um danach hinter der einen Tür ein Loch im Boden zu finden; das Klo.

Spülung, Klopapier Fehlanziege

Die Spülung ist ein Eimer mit Wasser und Papier ist keines da. Wird schon halb so wild, dachte ich mir und es ging auch gut zu Beginn. Zwar war es immer noch etwas komisch sich, wie in gepflegter Russenhockenmanier, darüber zu positionieren, aber es klappte. Dabei musste ich immer an den Flughafen in Singapur denken, an dem es Klos gibt, die beheizt sind, Geräusche machen können, um zu übertönen oder dir fast darmspiegelungsmäßig einen kleinen Wasserschlauch empor schieben, um zu säubern. Aber, das gab es hier eben nicht und brauchte es auch nicht, schließlich hatte ich noch Feuchttücher dabei, die taten es auch, zumindest bis die leer waren. Dann muss man eben improvisieren, was ich euch aber ersparen möchte.

Zum Frühstück, was hier Lunch heißt, weil es einfach schon so Unmengen an Essen gibt, gab es Dahl Bhat. Das Hauptgericht hier in Nepal, welches ich, so muss ich gestehen, jetzt schon nicht mehr sehen kann. Es ist Reis, mit Gemüse und einer Art Linsensuppe glaube ich.

Es schmeckt, aber die Mengen machen mir zu schaffen. Da ist der Teller zur Hälfte leer und schon wird dein dankendes Ablehnen erwidert mit einer Kelle mehr von allem.

Zu Beginn meiner Woche ging das noch gut, aber ich merkte mit der Zeit, dass irgendwas auf meinen Magen schlägt. Meine Vermutung war, dass es die Linsen und die Gewürze sind. Ich habe aber vorerst nichts erwähnt, schließlich sollte ich ja noch ein Weilchen hier sein.

Auf mein Nicht-Schaffen der Portionen und mein dankendes Ablehnen der Nachschläge reagierten sie zwar verständnisvoll, aber wie er mir sagte, hat seine Frau das Gefühl, dass das Essen nicht gut sei. Ich versuchte stets ihnen klar zu machen, dass es nichts mit der Qualität des Essens zu tun hat, sondern lediglich mit meinem Sättigungsgefühl, welches am Abend meist noch vom vorherigen Morgen stammt.

Wer mich kennt, weiß, dass ich zumindest bei Pizza, Eis, Süßem usw. eigentlich essen kann wie ein Scheunendrescher, aber diese Mengen hier haben mich tatsächlich an die Grenzen gebracht, dass ich das eine oder andere Mal schon etwas würgen musste.

Um 9:30 Uhr bin ich dann zur Schule, die direkt nebenan war und dort wurde ich bereits von den Lehrern freundlich empfangen. So wurde mir zu Beginn der Schule, im Zuge der morgendlichen Routine inklusive Nationalhymne, das Mikro überreicht und ich habe den roten Punkt auf die Stirn bekommen, welcher ein Zeichen für Glück und Erfolg ist. Die Möglichkeit nutzte ich kurz, um mich vorzustellen, ehe es dann wieder ins Lehrerzimmer ging.

Morgenappell und die Schule

Ich versuche es grob zusammenzufassen: nach deutschen bzw. bekannten Methoden braucht man hier gar nicht suchen, Dinge, die man erwartet werden vielleicht erfüllt oder auch absolut verfehlt. Unterricht erfolgt ab und zu nach geplanter Uhrzeit, aber dann beginnt er mal 10 Minuten später oder endet nach 25 Minuten. Im Englischunterricht werden viele Spiele gespielt, die allerdings keinem Thema zugeordnet sind, sondern lediglich um Wörter gesponnen sind, die in keinem Kontext stehen. Schüler rennen im Unterricht draußen umher und brüllen im Unterricht alle durcheinander. Ein “Melden, dann wird gesprochen” gibt es hier nicht. Hausaufgaben werden quergelesen und stumpf abgehakt und meist redet der Lehrer anstatt die Schüler.

In den Pausen spielen die Kinder mit halbaufgepumpten Bällen an einem schiefhängendem Volleyballnetz und ihre flinken Füße, in den fast ausgelatschten Adiletten, wirbeln den Staub auf und kicken kleine Steine umher.

Ich fühle mich wie einer extrem anderen Welt. Ich hatte natürlich etwas erwartet, aber so etwas nicht.

Nach Standards unserer Welt braucht man hier gar nicht suchen. Die Tafeln stehen auf dem Boden, die Tische und Stühle haben auch schon bessere Tage gesehen, die Unterlagen und Materialien fallen fast auseinander und ganze Schule gleicht eher einer Szene aus der Tagesschau mit einem Bericht über einen Bürgerkrieg.

Aber: Die Kinder spielen, die Kinder lernen, sie haben Spaß, die Lehrer haben Freude an ihrem Job. Ihre Mittel sind begrenzt, aber sie versuchen das Beste daraus zu machen. Sie versuchen es ihren Schülern angenehm zu machen.

Mir ist relativ schnell klar geworden, dass ich lieber nur dabei sein will, als aktiv etwas zu gestalten, denn so wie es ist, ist ein guter Anfang und immer mehr Einflüsse von Außen schaden dem mehr. Ich habe an meinem letzten Tag lediglich Ideen gegeben, die man einbauen kann, aber ich habe den Lehrern auch gesagt, dass man Systeme von deutschen Schulen nicht hierher übertragen kann und nicht sollte, denn es sind schließlich auch nepalesische Schüler und keine deutschen Schüler.

Von einigen Lehrern wurde ich im Unterricht andauernd gefragt, ob das was sie machen so gut ist. Ich habe mich stellenweise gefühlt wie ein Heiliger, der allen die Erleuchtung bringen wird. Stets, sagte ich, dass es so gut ist und man eben noch ein bisschen ergänzen kann, was bei den meisten auch ankam oder auch nicht.

Zum Beispiel gestern fragte mich eine Lehrerin wieder nach meiner Meinung. Sie sagte mir, was sie macht, was ich zuvor ja gesehen habe, woraufhin ich ihr sagte, dass man noch etwas mehr Praxis und Übung einbauen sollte. Daraufhin erzählte sie mir wieder, was sie machte, was ich ja, wie bereits gesagt, schon gesehen habe. Ich merkte, dass man hier nicht weiterkommt.

Hoch, hoch, auf dem Berge

An zwei Tagen habe ich den anderen Englischlehrer, Birdash, begleitet, in die Schule, die durch die Stiftung vor 2 Jahren gebaut wurde. Hier befinden sich die 1, 2. 9 und 10 Klasse, während unten der Kindergarten und die 1 bis 8 Klasse ist. Es gibt hier zwei Schulen, damit die Kinder die Schulen besser erreichen können. Denn wie bei uns ist das nicht, dass man 10 Minuten Bus fährt und dann da ist.

Die Schule auf dem Berg und der Weg da hin

Es geht steile Treppen oder Pfade hoch. Ich rutsche auf dem Sandhang oder kleinen Steinen aus. Die unzähligen Windungen, die der Weg nimmt, wenn wir wieder runter zum Haus gehen, kommen mir endlos vor und doch kommt man irgendwie wieder da an, wo man hin möchte. Meist ist der Weg nur einen halben Meter breit oder sogar schmaler. Ab und zu ein großer Spalt auf dem Weg über den man hüpfen musst. Meine Lunge pumpt und meine Beine merken, was sie da grad eigentlich machen.

Birdash erzählt mir, dass er morgens um 6 Uhr aufsteht, um auf den Berg zu gehen, da gegen 6:30 Uhr die Morning Class beginnt. Anschließend geht er wieder runter, isst und macht sich dann gegen 9:30 Uhr wieder auf den Weg nach oben. Seine Familie sieht er einmal in der Woche. Am Freitag ist die Schule um 13 Uhr zu ende. Nachdem er dann schon 4 mal diesen Weg gelaufen ist, läuft weitere 2 bis 3 Stunden zu seinem Haus und seiner Familie, um dann am Sonntag wieder zur Schule zu gehen. Allerdings, schmunzelt er dabei, als er mir das erzählt. Seit 10 Jahren ist er hier schon Lehrer.

Er ist es auch, der mit mir am Sonntagmorgen zum Krankenhaus geht, welches über der Schule liegt, um etwas Medizin für mich zu besorgen, weil ich mir endgültig den Magen verdorben habe und die übelste Scheißerei hatte. (Ja das habe ich jetzt geschrieben. Ich will hier nichts beschönigen)

Er half mir die richtigen Medikamente zu bekommen und schrieb mir am nächsten Morgen gleich bei Facebook, ob es mir gut geht.

Nachdem ich den Lehrern meine Eindrücke und Ideen geschildert habe, hat er das Wort ergriffen und sich bedankt für die Zeit, die wir miteinander verbracht haben und sich auch für die freundschaftliche Atmosphäre bedankt.

Birdash und ich auf dem Rückweg

Ich muss den Menschen hier danken. Allerdings muss ich auch erwähnen , dass ich im Ursprung bis Freitag bleiben wollte, aber ich habe mich dazu entschlossen früher abzureisen, um mich zu erholen, bevor es in die Berge geht und um die Eindrücke zu verarbeiten.

Mit welcher Einfachheit die Menschen dort zurechtkommen und vor allem wie überdimensional freundlich diese dort sind, das hat mich beeindruckt und das tut es immer noch.

Wie gesagt, ich werde den Menschen selbst noch einen Beitrag widmen. Ich kann nur sagen, dass es eine tolle Erfahrung war, auch wenn ich zwischendurch dachte, dass ich da weg muss, weil das so viele Eindrücke auf einmal waren, aber es geht ja irgendwie doch und schlecht war es auf keinen Fall.

So, ich hau mich gleich aufs Ohr.

Bis zum nächsten Mal. Namaste

Kevin

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