Ein kleiner großer Bai – Brüder in Nepal

Bevor ich überhaupt hier her gekommen bin, sagte mir Herr Schmel, der liebe Herr von der Stiftung, dass man bloß keine Gruppentouren machen soll, denn so verpasst man das eigentliche Highlight hier im Ministaat, zwischen China und Indien: die Menschen.

Ich kann ihm bisher nur recht geben. Natürlich gibt es auch welche, die irgendwie nervig sind, die die einen immer anlabern und hinterherlaufen, bis man bei der 8ten Person dann ganz klar sagt, dass er sich verpieseln soll. Kann er nix für, aber die Menge macht es nun einmal.

Anders war es in der Schulwoche und auch schon davor, als ich alles mit Tilak besprochen habe. Wie es bei der Schule laufen soll, wo ich gerne hin möchte, welche Trekkingtour ich machen will usw. Immer hilfsbereit, immer nett und bereit für einen Schnack.

Auch meine Gastfamilie, so nenne ich sie jetzt mal, kann man sich nicht besser erträumen. Die Kinder waren etwas zurückhaltend, haben mich oft oder eigentlich dauerhaft fragend angeguckt. Meine Versuche mit Englisch bei ihnen blieben auch nur bei der obligatorischen Vorstellung und die waren aber echt gut darin. Nunja, soll man ihnen nicht übel nehmen, wenn so ein krasser Typ von Stil und Klasse daherkommt, verschlägt einem das schon die Sprache. Und jetzt tun wir mal so, als wenn ich das nie geschrieben hätte.

Surendra, Tilaks Bruder und mein Gastgeber, wusste stets mich in Verlegenheit zu bringen und dafür zu sorgen, dass ich ein leicht schlechtes Gewissen habe.

Nach der Schule habe ich mich meist draußen hingesetzt, um mein Buch zu füllen. Währenddessen ackerte seine Frau auf dem Feld oder hat Unmengen an Grünzeug gesammelt für die Tiere, er hat sich um die Tiere selbst gekümmert oder Essen gemacht und auch die Kinder halfen oft mit. Auf meine, nicht nur einmalige, Frage, ob ich helfen könne, sagte er nur, dass das absolut nicht nötig sei. Stattdessen kam er wenig später mit Tee und Keksen zu mir.

Auch wenn er oft beschäftigt war, haben wir dennoch immer wieder Zeit gefunden uns zu unterhalten. Gerne habe ich mit ihm gesprochen. Es war so einfach und locker. Über was? Über alles? Er hat mir seine Familie und seinen Glauben etwas näher erklärt. 7 Geschwister hat er, wovon 2 in Alabama leben und er diese sehr gerne besuchen möchte, wenn das mit dem Visum denn nicht so schwierig wäre, so klagt er. Über Arbeit und die Schule unterhielten wir uns. Er fragte mich, warum ich nicht ins Filmbusiness in Amerika gehe, ich sei da sicher gut aufgehoben sagte er mir und sprach mir seinen Segen dafür aus. Wir haben ausgemacht, dass ich ihn in meiner Dankesrede für den Oscar erwähnen werde, mit den paar Worten Nepali, die er mir beigebracht hat.

Ein paar Tage lang lief er mit einem T-Shirt rum, welches Yuri Gargarin zeigt, den sowjetischen Kosmonauten, der als erster im All war. Ich weiß nicht, aber ich mag dieses Shirt. Vielleicht weiß er auch gar nicht wer das ist, aber es passt auf eine ganz interessante Art zu ihm.

Dai und Bai sind nepalesische Wörter. Dai ist der große Bruder und Bai der kleine. Seinen Bai, so nannte er mich später immer, da ich als sein Gast zu seiner Familie gehöre und ein Gast in seinem buddhistischen Glauben als Gott angesehen wird.


Nein, kein Problem, lass mich mich noch verlegener fühlen 😀


Als ich meine Magenprobleme hatte, hat er mir immer extra anderes Essen gemacht, welches ich besser vertrage, hat mir stets heißes Wasser gegeben und hat den Englischlehrer, Birdash, gebeten mit mir ins Krankenhaus zu gehen, um Medizin zu holen, bevor wir in die Schule gingen.

Er gab mir ein Lonely Planet Buch über Tibet mit, in dem ich etwas über Buddhismus lernen könne, das war sein Anliegen, denn alles wisse er auch nicht, weil er kein Mönch ist. Zu voll sei sein Haar noch dafür, sagte er und wir lachten nur darüber.

Fasziniert bin ich von dieser Freundlichkeit, Menschlichkeit und dieser Ruhe, die er ausstrahlt.

Und ob ich da etwas fertig aussehe? Neiiiiiiin wer? Ich? Quatsch.

Vielen Dank mein Lieber für die Gastfreundschaft und die Eindrücke.

Diesen Eintrag hier wird er wahrscheinlich niemals lesen, aber festgehalten werden muss es dennoch.

Dhanyabad – Danke – Namaste

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Author: KevinB

Autor, Sportler, Reisender, Fotograf, Allesmacher. Ich bin auf der Suche nach mir selbst und schreibe meine eigene Geschichte. Das ist es, worauf es ankommt. Ich bin Kevin und das hier ist mein Anfang.