Auch Nepal geht zu Ende

Heute ist Donnerstag. Nicht nur irgendein Donnerstag, sondern mein letzter Tag hier im Land der Berge. Ich habe mir Gedanken gemacht, was ich von diesem Ort, diesem kleinen Fleck auf der Erde halten soll, denn es ist so viel anders als die Orte an denen ich bisher war. Ein endgültiges Resultat zu finden fällt mir irgendwie schwer, ich weiß nicht genau warum und eigentlich habe ich meine Meinung schon kund getan im letzten Blogpost, aber ein Resultat oder Resumé erfolgt in gewohnter Manier am Ende einer Erfahrung. Wie auch in allen anderen Beiträgen werde ich einfach so schreiben, wie es mir in den Sinn kommt, um das ganze authentisch zu halten. Das ist mir dabei sehr wichtig. Also let’s go.

Bevor ich hier nach Nepal gekommen bin habe ich mir natürlich ausgemalt, wie es sein wird, habe gelesen und mit ein paar Leuten gesprochen, aber ich kann gleich sagen es ist anders als das, was einen der eigenen Vorstellung gemäß erwartet.

Meiner jetzigen Erfahrung nach geht es erst gut bergab, um dann wieder bergauf zu gehen.

Ich erinnere mich an die ersten 3 Tage hier. Es ist dreckig, laut, überfüllt, als offensichtlicher Neuankömmling und “Westerner” wird man gierig, sowie hier und da auch abwertend angeguckt, aber ich befinde mich hier eben auch im Zentrum des Tourismus, in Thamel. An jeder Ecke werden einem Trekkingtouren aufgequatscht, an der nächsten Ecke soll man Mandalas kaufen, an wieder anderen Ecken bekommt man Massagen angeboten. Ab und zu, aber hauptsächlich am Abend wird man alle 2 Meter nach “Hasch” gefragt.

Mit der Zeit entwickelt man eine Toleranz dagegen. Geht geradewegs, mit einem freundlichen “No thank you” weiter. Die meisten akzeptieren es dann auch, wieder andere laufen einem solange hinterher, bis sie feststellen, dass das ernst gemeint ist und man definitiv kein Interesse daran hat.

In meiner Anfangszeit hier, also vor meinem Ausflug in die Schule, habe ich schon begonnen mich zu fragen, ob das wirklich die richtige Entscheidung war hierher zu kommen. Geblendet von schöner Natur und der erhofften Anwesenheit von Buddhismus in seiner reinsten Form habe ich mich wahnsinnig gefreut, aber die ersten Tage in Kathmandu sind ein reines Gewöhnungsprogramm.

Dust-mandu

Diese Überschrift habe ich vor meiner Reise hierher gelesen, denn Kathmandu scheint eine der dreckigsten und unsaubersten Städte der Welt zu sein. Im Morgenschein der Sonne taucht die Stadt ganz anders auf. Klarer Himmel. In der Nacht schaut man hinauf und fragt sich, ob man diese ganzen Sterne vorher jemals gesehen hat und wundert sich, dass der Mond so klar scheint und dem Anschein nach auf dem Kopf liegt.

Allerdings je länger der Tag andauert, desto mehr Staub und Schmutz erhebt sich. Verkäufer klopfen den Staub von Ihren Waren, Menschen beginnen Masken oder Schals über ihren Mund zu legen, um ihre Atemwege zu schützen.

Aber eines kann ich sagen: man gewöhnt sich daran.

In der Stille der Weite

Ich habe es schon kurz angerissen, das Trekking, aber das was mir bezüglich des Trekkings am meisten im Kopf bleibt ist die simple Nicht-Existenz von Geräuschen. Man hört rein gar nichts weit oben in den Bergen. Es ist als sei man in einer anderen Welt. Lizzy, meine Zimmermitbewohnerin im Hostel, hat den selben Trek gemacht wie ich und wir sagten beide, dass es da oben in den Bergen so aussah, wie Mittelerde aus “Herr der Ringe”. Berge, grün bewachsen, grau mit scharfen Kanten oder weiß gepudert im anhaltenden Winterlook. Alles untermalt vom Rauschen eines massiven Flusses, dem Pfeifen des Windes oder dem Läuten der Glocken einer Herde Esel, die einem in 3000m Höhe entgegenkommt.

Ich erinnere mich an den 4ten oder 5ten Tag unseres Aufstiegs. Ich merke wie die Sonne durch die Fenster kriecht, ehe ich rasant aufstehe und ich sehe, wie der Himmel klar ist, die Spitzen der Berge im Sonnenschein funkeln und ganz einfach verzaubert bin von dieser Massivität, die mir da entgegenwirkt.

Nima, Loic, Cha und ich gehen nach draußen mit warmen Tee in der Hand. Es ist so kalt da oben, dass man mit jedem Atemzug seinen eigenen Atem sieht, aber es ist angenehm. Wir schauen uns um und staunen über diese pure Kraft der Natur.

Ich habe keine Ahnung wie alt das Himalaya ist oder wie lange dieser Fluss sich schon durch die steinige Welt da oben fräst, aber ich musste die ganze Zeit an dieses Zitat von Bruce Lee denken:

“Empty your mind, be formless. Shapeless, like water. If you put water into a cup, it becomes the cup. You put water into a bottle and it becomes the bottle. You put it in a teapot it becomes the teapot. Now, water can flow or it can crash. Be water, my friend.

Bruce Lee

Je höher man kommt, desto leichter fühlt man sich. Man fühlt sich schwerelos und hastet seinem Ziel immer mehr entgegen und wenn man dann erstmal da oben angekommen ist, dann sind die einzigen Worte, die man hat “Holy fuck”. Das was man da oben sieht ist Natur in der reinsten Form, die man sich überhaupt ausmalen kann.

Zurück in der Stadt

Das Trekking hier Nepal ist definitiv das Highlight und der Grund weswegen so viele Menschen hierher kommen und auch der Grund weswegen anscheinend jeder zweite Nepalese ein Trekkingbüro hat. Aber wen wundert das, wenn man überlegt, dass dieses kleine Land, welches so arm ist, mit die schönsten Landschaften der Welt beherbergt.

Da erscheint einem die Busfahrt zurück in die Stadt als Strafe und der Moment, in dem man in Kathmandu überlegt, dass man vor 24 Stunden noch in absoluter Schönheit unterwegs war, haut einem ordentlich eines in die Fresse, aber man kommt klar damit, denn man weiß welche Schätze hier noch existieren. Den Stress und die nervigen Situationen in der Stadt erscheinen einem belanglos und man ignoriert sie einfach.

Das Highlight, welches ich am wenigsten erwartet habe

Ich habe doch schon viele Orte gesehen: New York, Los Angeles, Chicago, Bali, Frankreich, Italien, Spanien usw. und auch der 53 Sonnenuntergang am Santa Monica Pier ist genauso schön, wie der erste. Die Rückfahrt auf dem Dach eines Holzbootes nach Gili Air, nachdem man Scubadiving gemacht hat, ist mit einer der schönsten Momente, die ich erfahren durfte.

Aber was mir hier immer mehr in den Sinn gekommen ist und ich mich auch viel mit Antonio darüber unterhalten habe das ist, dass es toll ist Bilder zu haben von atemberaubenden Gebäuden, purer Natur, einem anderen Sonnenaufgang oder -untergang, aber das was mir, genauso wie ihm, immer im Kopf bleiben wird, das sind die Menschen, die man getroffen hat, mit denen man Zeit verbracht hat und einfach tolle Dinge erlebt hat.

Antonio mit dem ich mich sofort so gut verstanden habe

Die letzten Nächte konnte ich nicht schlafen, weil ich so voller Freude, Energie und Liebe war für all diese Menschen, für die ich so dankbar bin sie kennengelernt zu haben.

Immer wieder kommt mir der Satz in den Sinn: “Bevor ich nach Nepal kam, habe ich nicht erwartet, dass…”

Bevor ich nach Nepal kam, habe ich nicht erwartet, dass ich in einem nepalesischen Kino sitze und mir Sonic angucke, mit Menschen, die ich seit 3 Tagen kenne.

Bevor ich nach Nepal kam, habe ich nicht erwartet, dass ich auf der Terrasse des Hostels sitze und mit Lizzy Zimtschnecken essen und philosophiere, was man eher machen würde: Würdest du lieber tief unten im Ozean sein oder ganz weit weg im Weltall?

Bevor ich nach Nepal kam, habe ich nicht erwartet, dass ich 4 Tage mit Franzosen unterwegs sein werde und wir gemeinsam die Berge erklimmen, wie beste Freunde.

Bevor ich nach Nepal kam, habe ich nicht erwartet, dass ich einfach so viele tolle Menschen kennenlerne, weil ich aus meinen vergangenen Trips immer noch den Eindruck hatte, dass es mir schwer fällt Kontakte zu knüpfen. Aber hier findet man immer wieder Leute mit denen man sofort connectet.

Bevor ich nach Nepal kam, habe ich nicht erwartet, dass mein persönliches Highlight nicht die Natur sein wird, sondern die Menschen, mit denen ich diese erleben durfte.

Was kostet Nepal

Wie es sich für einen tollen Reiseblog gehört möchte hier nun aufführen, was es kostet 4 Wochen in Nepal zu verbringen.

Rechnung:

Ich habe keine Ahnung. Ich habe mir keine Gedanken gemacht während des Aufenthalts, mit welchem Budget ich dieses Land nachher verlassen werde. Ich habe einen Flug gebucht, also eigentlich einen, wenn man diese Indien Visum Sache ignoriert und der Rest ist einfach gekommen, wie er gekommen ist.

Natürlich sollte man ein gutes Kapital haben, aber ich denke, dass man für vier Wochen mit 2000€ auskommt, wovon der Flug und das Trekking auch bezahlt werden.

Ich habe mir gedacht, dass ich mein Glück nicht durch das stetige Denken an mein Budget minimieren will.

Selbstverständlich sollte man nicht alles zum Fenster rauswerfen, aber man sollte sich eben auch immer vor Augen führen, dass man sich nicht limitieren soll. Das gilt nicht nur für die finanziellen Mittel.

Ich bin mir sicher, dass ich all diese tollen Dinge hier erleben durfte, weil ich die nötigen Schritte gemacht habe. Habe meinen Job gekündigt, investiere das Geld so, dass ich so viel wie möglich erfahren kann, treibe meinen Körper irgendwo an seine Grenzen, um Natur in reinster Form zu sehen. ABER: DAS IST ES ALLES WERT!

Wie ich es zuletzt schon geschrieben habe, im letzten Beitrag und bei der Stelle kriege ich immer noch Freudenschübe und Gänsehaut:

Materielles wird dich nie erfüllen. Es wird langweilig und zur Gewohnheit werden. Das, was für immer bleibt und vor allem in dir bleibt, das sind all die Momente, die du erfahren hast, die du mit anderen geteilt hast.

Es ist toll so hoch geklettert zu sein, um einen sagenhaften Ausblick zu haben, aber das wahre schöne, das war das gemeinsame Zusammensitzen um den Ofen und das Erzählen von diversen lustigen, ernsten, traurigen und sagenhaften Stories.

Danke Nepal für meine erste richtige Reise.

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Author: KevinB

Autor, Sportler, Reisender, Fotograf, Allesmacher. Ich bin auf der Suche nach mir selbst und schreibe meine eigene Geschichte. Das ist es, worauf es ankommt. Ich bin Kevin und das hier ist mein Anfang.